Medikamente mit Suchtpotential waren Thema bei „Medizin am Gleis“

Meckenbeuren (MCB) Geschätzt 2,3 Millionen Menschen, vor allem Frauen über 65, sind in Deutschland abhängig von Medikamenten. Dabei verlangen allein 1,2 Millionen nach dem Medikament Benzodiazepin – eine Art rosa Brille für die Seele. Damit liegt die Medikamentensucht nach Tabak, aber vor Alkohol, an zweiter Stelle.

Aber wie erkennt man, ob man süchtig ist? Dr. Monika Käppeler, Leitende Ärztin der Sektion Geriatrische Rehabilitation des Klinikums Friedrichshafen, nannte beim jüngsten Patientenvortrag in der Reihe „Medizin am Gleis“, einige Punkte, die für jede Sucht gelten: wiederholter Konsum trotz negativer Folgen, Toleranzentwicklung, das heißt man braucht immer mehr, Kontrollverlust, Aufgabe von Aktivitäten zugunsten des Konsums und der unwiderstehliche Wunsch, das Suchtmittel zu bekommen.

Weg vom Gebrauch über Missbrauch und Gewöhnung

„Die Sucht entsteht im Gehirn. Dabei spielen unser Belohnungssystem und Emotionen eine große Rolle“, erläuterte Dr. Käppeler den Weg vom Gebrauch über Missbrauch und Gewöhnung bis zur Abhängigkeit. Im Gehirn werden Reiz und Erfahrungen gekoppelt. „Ich sehe Schokolade, im Gehirn wird Dopamin freigesetzt und ich bekomme ein Gefühl der Vorfreude“, schilderte sie ein harmloses Beispiel. „Freude, Genuss und Glück bewirken die Freisetzung von Serotonin und Endorphinen – bei der Tablette ebenso wie bei Schokolade.“ Sucht sei nichts anderes als eine erlernte Abkürzung des Gehirns, um das angenehme Gefühl zu spüren.

Probleme bei langfristiger Einnahme von Benzodiazepin

Sorgen zermürben und Ängste plagen. „Nach einem Trauerfall oder einer schweren Erkrankung kann Benzodiazepin ein Segen sein und über schwere Lebensphasen hinweghelfen“, weiß die Leiterin der Sektion Geriatrische Rehabilitation. Aber es gebe eine relativ schnelle Gewöhnung und die Sorge, ohne die Tablette nicht schlafen zu können werde leicht zum Teufelskreis. Christian Vilzmann, Leiter der Apotheke des Klinikum Friedrichshafen, nannte die Probleme bei langfristiger Einnahme: „Neben der Abhängigkeit kann es zu kognitiven Störungen bis hin zur Demenz kommen, das Sturzrisiko steigt und eine Schlafapnoe kann sich verstärken.“ Als Alternative empfahl Vilzmann pflanzliche Arzneimittel wie Baldrian, deren Wirkung allerdings bis zu vier Wochen auf sich warten lassen kann. „Achten muss man zudem auf ausreichende Dosierung.“

Schmerz und Schmerzmittelmissbrauch

Beleuchtet wurde von beiden Spezialisten auch Schmerz und Schmerzmittelmissbrauch. „Schmerz entsteht im Gehirn und ist das, was der Patient benennt“, betonte Dr. Käppeler. Vilzmann ist der Hinweis wichtig, dass starke Schmerzmittel (Opioidanalgetika) keine psychische Abhängigkeit auslösen. „Sie dürfen Patienten mit starken Schmerzen nicht aus Angst vor Abhängigkeit vorenthalten werden.“ Gefragt wie nie seien rezeptfrei erhältliche Schmerztabletten. Jährlich werden für sie in deutschen Apotheken 500 Millionen Euro ausgegeben. Aber Paracetamol, Ibuprofen, Diclofenac und Co. können bei Missbrauch zu dumpf-drückendem Dauerkopfschmerz bis hin zu Nierenschädigung und Gastritis führen.

Alkoholmissbrauch nimmt im Alter zu

„Ein Gläschen gönne ich mir, Rotwein soll ja gesund sein“ – Fakt ist, dass der Alkoholmissbrauch im Alter zunimmt. Dr. Käppeler informierte, dass bei älteren Menschen die Alkoholtoleranz sinkt. „Es kann zu Wechselwirkungen mit Medikamenten kommen, die Sturzgefahr steigt, Schlafstörungen und Depressionen können entstehen.“ Zu vertreten sei für Männer ein halber Liter Bier beziehungsweise ein viertel Liter Wein am Tag und für Frauen die Hälfte. An zwei Tagen pro Woche sollte jedoch ganz auf Alkohol verzichtet werden. Zu beachten ist auch, dass viele Arzneimittel – das Paradebeispiel ist „Klosterfrau Melissengeist“ – Alkohol in nicht unerheblicher Menge enthalten.

Über Medikamente mit Suchtpotential und Alkoholmissbrauch im Alter sprachen Dr. Monika Käppeler, Leitende Ärztin der Sektion Geriatrische Rehabilitation des Klinikums Friedrichshafen, und Christian Vilzmann, Leiter der Apotheke am Klinikum Friedrichshafen, bei „Medizin am Gleis“ in Meckenbeuren. Bild: MCB

Über Medikamente mit Suchtpotential und Alkoholmissbrauch im Alter sprachen Dr. Monika Käppeler, Leitende Ärztin der Sektion Geriatrische Rehabilitation des Klinikums Friedrichshafen, und Christian Vilzmann, Leiter der Apotheke am Klinikum Friedrichshafen, bei „Medizin am Gleis“ in Meckenbeuren.

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